Vorgeschichte

Jeder Mensch hat Wuensche und Trauume. Ich auch. Einer meiner Trauume war schon immer ein “Chef” zu werden. Meine verstorbene Tante Emma hat mir immer erzaehlt, dass, wenn ich noch ganz klein war, sie mich mal gefragt hat, was ich denn werden moechte wenn ich gross bin. Ich habe geantwortet “ein Chef wie mein Papa.” Nun, das Ziel ist ja schon mal quasi erreicht da ich “mein eigener Chef” seit einem knappen Jahr bin, ergo selbsstaendiger Grafik-Designer. Und das ist schoen, es gefaellt mir, man hat viel Zeit, auch nachzudenken was denn so das naechste Ziel sein koennte.

Es war der 24. Juni, meine Schwester lud mich zu einem Kaffee am Nachmittag ein. Dort waren auch Barbara Miller mit Familie. Ein angenehmer Nachmittag, ein wunderschoenes Wetter und wir genossen alle das plaetschern der kleinen Kinder im Mini-Muschel-Swimmingpool (das ist ne andere Geschichte). Nun, wir plaudern ueber Gott und die Welt, Barbara erzaehlt mir, dass sie ein Jobangebot in London haette aber nicht wuesste, ob sie nun mit der Familie nach England oder doch wieder zurueck nach Australien ziehen wolle. Und da viel das Stichwort – Australien.

Ich weiss nicht wieso, doch dachte ich nie an Australien. Als Designer denkt man an New York, London, Hamburg, Berlin, Zuerich aber nicht Australien. Dieser Gedanke lies mich nicht mehr los – der Gedanke, was es denn so fuer ne Grafikszene in Australien gibt. Ich fuhr am abend Heim und dort angekommen schaltete ich den Computer an, oeffnete den Browser und tippte unter Google: “graphic design studio sydney” ein. Da lachte es mir entgegen, www.juuce.com, ganz oben auf der Liste, Treffer No. 1. Die Website sieht ok aus, die Projekte sind gut, die Leute scheinen sympatisch. Kurzentschlossen schreib ich ne Mail an George, wer ich bin, woher ich komme, dass ich gerne nach Australien kommen wuerde und bei ihm arbeiten moechte. So wie ich es hier schreibe, etwas laenger, strickt ohne Schnoerksel und bla bla, nur auf einem etwas unbeholfenem Englisch. Mail abgeschickt, ich muede, schliesse alles und gehe schlafen.

Am Dienstag kam die Antwort: es war kein Ja aber auch kein Nein. Er lobte meine Offenheit, meine direkte Art. Ob ich denn geplant haette bald nach Australien zu kommen.

Nein, hatte ich natuerlich nicht geplant. Ich war jedoch schon enthusiastisch und schrieb zurueck, dass ich ab September fahren koenne. Nur das mit dem VISA waer mir unklar.

Tage spaeter schreibt er zurueck, dass er sich das alles ueberlegen muesse. Er kenne mich nicht genug, weder meine Arbeiten. Ausserdem erhalte er 40 E-mails die Woche von Grafikern die Arbeit suchen. Er sagt, er sehe keinen Grund mich rueber zu holen, werde sich aber melden.

Ich bedanke mich. Hier dachte ich mir bereits – ok – das wars. Google, erster Treffer, erste Antwort passt – so viel Glueck kann nicht sein. Ich schreibe ihm, dass ich als italienischer Staatbuerger ohne Probleme ein VISA erhalte.

Er schreibt mir: super, und sagt sie suchen fuer Ende des Jahres einen Grafik Designer mit Webdesign Kenntnissen/Flash/CSS. Wenn mir das anspricht soll ich mich ruehren.

Super. Freude! Aber wie soll ich mich ruehren? Wie soll ich ihm meine Bewerbung schicken? Meiner Schwester kam die Idee: Ueber Video. Ich zeichnete mich selbst auf und praesentierte auf Video meine Projekte. Das ganze brannte ich auf einer DVD und gestaltete ein Cover. Ich schickte es ab.

Einen Tag bevor ich in den Urlaub fuhr kam die Antwort: Hi Samuel. Der Postbote hat mir gerade vorhin ein Paektchen in die Hand gedrueckt. Es war deine DVD. Eine super Arbeit, ich bin begeistert von deinen Projekten und sehe, dass du ueber ein gutes konzeptionelles Denken verfuegst. OK, ich bin interessiert dich herzuholen. Was als naechstes?

Das war’s. Unglaublich aber doch war. Aus einem Klick entsteht eine Jobmoeglichkeit am anderen Ende der Welt. Eine Facette der Globalisierung? Keine Ahnung. Ein Beweis, dass man nie aufgeben darf und ab und zu Glueck haben muss. Wahrscheinlich.

Am naechsten Tag ist das Leben ploetzlich anders. In der Hand den Koffer, das Taxi wartet, der Flug geht Richtung Norden in den zweiwoechigen Urlaub nach Vilnius aber man weiss, dass die Zukunft ungewiss ist. Nichts ist wie gestern.

Als ich vom Urlaub zurueckkomme bestaetigt mir George, dass alles bereits bereit steht und ich bei seiner Familie herzlichst unterkommen kann. Ich kenne diesen Menschen nicht, doch er vertraut mir, ich vertraue ihm auch. Und bin ihm dankbar.
Und die grosse Reise kann beginnen.